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Gezeiten einfach erklärt: Wie Mond und Sonne Ebbe und Flut machen

Sandbänke im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (2019)
Sandbänke im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (2019)

Morgens stehst du am Deich in Cuxhaven und siehst Wellen. Ein paar Stunden später kannst du an derselben Stelle losgehen und neun Kilometer zu Fuß bis zur Insel Neuwerk laufen. Das Meer hat sich zurückgezogen, und es kommt zuverlässig wieder. Hier erfährst du, warum das so ist, wo die Gezeiten weltweit am eindrucksvollsten sind und was sie mit dem Leben im Watt, mit Containerschiffen und sogar mit der Länge deines Tages zu tun haben.

Wo eben noch Meer war: Der Rhythmus der Gezeiten

Die Gezeiten halten einen festen Takt: Im Mittel kommt das Wasser alle 12 Stunden und 25 Minuten wieder, Tag für Tag. Menschen beschäftigt dieses Kommen und Gehen seit Jahrtausenden. An der Nordsee bestimmt es das Bild der Küste, weil das Meer zweimal täglich große Flächen aus Schlick und Sand freilegt. Angetrieben wird die Bewegung von Kräften aus dem Weltall, genauer von Mond und Sonne.

Ebbe, Flut, Hoch- und Niedrigwasser: Das kleine Gezeiten-ABC

„Flut“ heißt das Steigen des Wassers, „Ebbe“ das Fallen. Die Höchst- und Tiefststände dazwischen heißen Hochwasser und Niedrigwasser. Wer bei „Flut“ an den höchsten Wasserstand denkt, liegt also daneben: Das ist das Hochwasser. Um wie viel das Wasser während der Flut steigt, nennen Fachleute Tidenstieg, um wie viel es während der Ebbe fällt, Tidenfall. Das Wort „Tide“ stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet schlicht „Zeit“, gemeint ist die Zeit, nach der sich das Meer richtet.

Tidenhub: Wie stark die Gezeiten sind

Der Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser. Weltweit reicht er von wenigen Zentimetern bis zu mehr als 16 Metern, und entsprechend unterschiedlich fallen Ebbe und Flut an den Küsten aus. In manchen Häfen liegen Boote bei Niedrigwasser schräg im Schlick, anderswo bemerkst du die Gezeiten kaum. Wenn du die Gezeiten eines Ortes verstehen willst, ist der Tidenhub die wichtigste Zahl.

Inhaltsverzeichnis

Die Physik dahinter: Wie Mond und Sonne am Meer ziehen

Weitere Einzelheiten Gezeitenbeschleunigung (blau) durch den Mond für Orte an der Erdoberfläche als Differenz der örtlichen Gravitationsbeschleunigung (grün) und der Beschleunigung des Massenmittelpunkts.
Weitere Einzelheiten Gezeitenbeschleunigung (blau) durch den Mond für Orte an der Erdoberfläche als Differenz der örtlichen Gravitationsbeschleunigung (grün) und der Beschleunigung des Massenmittelpunkts.

Der griechische Seefahrer Pytheas bemerkte schon um 325 v. Chr., dass die Gezeiten dem Mond folgen. Erklären konnte das erst Isaac Newton im Jahr 1687. Dazwischen vermutete Johannes Kepler 1609, dass der Mond die Meere anzieht, während Galileo Galilei diese Idee für Unsinn hielt. Auf Newtons Gravitationsgesetz baute Pierre-Simon Laplace um 1775 eine dynamische Theorie der Gezeiten auf, auf der die Gezeitenforschung bis heute beruht.

Die Gezeitenkraft: Es kommt auf den Unterschied an

Der Mond zieht an der ihm zugewandten Erdseite stärker als am Erdmittelpunkt und dort wiederum stärker als auf der abgewandten Seite. Dieser Unterschied heißt Gezeitenkraft und dehnt die Ozeane in die Länge. Es kommt also darauf an, wie ungleichmäßig sich die Anziehung des Mondes über den Erddurchmesser verteilt, und weniger darauf, wie stark er insgesamt zieht. Deshalb nimmt die Gezeitenkraft mit der Entfernung auch viel schneller ab als die normale Schwerkraft, nämlich mit der dritten Potenz des Abstands. Verglichen mit der Erdanziehung ist sie winzig, nur etwa ein Neunmillionstel davon. Weil sie auf ganze Ozeane wirkt, bewegt sie trotzdem gewaltige Wassermassen.

Zwei Flutberge und der Irrtum mit der Fliehkraft

Vielleicht hast du in der Schule gelernt, dass der zweite Flutberg auf der mondabgewandten Seite durch die Fliehkraft entsteht. Physiker halten diese Erklärung für irreführend, denn beide Flutberge entstehen auf dieselbe Weise. Auf der Mondseite zieht der Mond das Wasser stärker an als die Erde als Ganzes, deshalb wölbt es sich zum Mond hin. Auf der Rückseite zieht er die Erde stärker an als das Wasser dort, das deshalb gewissermaßen „zurückbleibt“. Die Fliehkraft-Erklärung steht noch in manchen Lehrmaterialien, ist aber nur eine vereinfachte Hilfsvorstellung.

Der Takt von 12 Stunden und 25 Minuten

Während sich die Erde dreht, wandert der Mond ein Stück weiter. Bis die Erde ihn wieder „eingeholt“ hat, vergehen 24 Stunden und 50 Minuten, deshalb kommt das Hochwasser jeden Tag rund 50 Minuten später. In dieser Zeit dreht sich eine Küste unter beiden Flutbergen hindurch und erlebt zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser. Zwischen zwei Hochwassern liegen also im Mittel 12 Stunden und 25 Minuten. Diesen Takt gibt die wichtigste Teilgezeit vor: die halbtägige Mondgezeit, von Fachleuten M2 genannt, mit einer Periode von 12,42 Stunden.

Springtide und Nipptide: Wenn die Sonne mitzieht

Die Sonne zieht rund 177-mal stärker an der Erde als der Mond. Weil sie so viel weiter entfernt ist, erreicht ihre Gezeitenkraft aber nur etwa 46 Prozent der Mondkraft. Das reicht für einen deutlichen Effekt. Bei Voll- und Neumond stehen Sonne, Mond und Erde auf einer Linie, ihre Kräfte addieren sich, und es kommt zur Springtide mit besonders hohem Hoch- und besonders niedrigem Niedrigwasser. Bei Halbmond stehen Sonne und Mond im rechten Winkel zueinander und schwächen sich gegenseitig ab. Dann folgt die Nipptide. Im Mittel ist der Tidenhub bei Springtide etwa 2,7-mal so groß wie bei Nipptide. An der deutschen Küste treten die höchsten Springtiden erst ein bis zwei Tage nach Voll- oder Neumond auf. Stärker werden die Gezeiten außerdem, wenn der Mond der Erde besonders nahe kommt oder die Erde Anfang Januar ihren sonnennächsten Punkt erreicht.

Warum echte Gezeiten komplizierter sind

Wäre die Erde eine glatte Wasserkugel, hätte jeder Ort zwei gleich hohe Hochwasser am Tag. In Wirklichkeit versperren Kontinente den beiden Flutbergen den Weg, sodass sie nicht ungehindert um die Erde wandern können. Das Wasser schwingt stattdessen in jedem Ozeanbecken auf eigene Weise, geprägt von der Form des Beckens und von der Erdrotation. Um die Gezeiten an einem bestimmten Ort zu verstehen, musst du deshalb auch die Form der Küste und des Meeresbodens kennen.

Halbtägig, eintägig, gemischt: Drei Gezeitentypen

Die meisten Küsten erleben zwei Hoch- und zwei Niedrigwasser am Tag, aber nicht alle. Fachleute unterscheiden drei Gezeitentypen. Halbtägige Gezeiten mit zwei etwa gleich hohen Hochwassern gibt es zum Beispiel an der Ostküste der USA und an der deutschen Nordseeküste. In weiten Teilen des Golfs von Mexiko herrschen dagegen eintägige Gezeiten mit nur einem Hoch- und einem Niedrigwasser. An der Westküste Nordamerikas sind die Gezeiten gemischt: Es gibt zwei Hochwasser am Tag, die sich deutlich in ihrer Höhe unterscheiden.

Amphidromien: Warum die Flutwelle in der Nordsee im Kreis läuft

In der Nordsee gibt es drei Punkte, an denen der Wasserstand praktisch nicht schwankt. Diese Punkte heißen Amphidromien. Die Flutwelle kreist um sie wie ein Zeiger auf dem Zifferblatt, auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn. Ein Punkt liegt zwischen der englischen Region East Anglia und den Niederlanden, ein zweiter auf der Jütlandbank, ein dritter vor Südnorwegen. Der britische Gelehrte William Whewell sagte solche Punkte 1836 voraus, 1840 bestätigte Kapitän William Hewett einen davon in der Nordsee. Das merkst du auch an der Küste: Weil die Flutwelle die deutsche Küste von West nach Ost entlangläuft, tritt das Hochwasser auf Borkum etwa zwei Stunden früher ein als in Cuxhaven.

Resonanz: Wenn eine Bucht zur Schaukel wird

Das Wasser in der Bay of Fundy schwappt von Natur aus in etwa 13,3 Stunden einmal hin und her. Die Atlantikgezeit, die auf die Bucht wirkt, hat einen Takt von 12,42 Stunden. Weil beide Rhythmen so nah beieinanderliegen, schaukelt sich die Schwingung gewaltig auf. Das Prinzip kennst du von einer Kinderschaukel: Wenn du jedes Mal im richtigen Moment anschubst, schwingt sie immer höher. Die Bay of Fundy gilt als Paradebeispiel für diese Gezeitenresonanz.

Rekordtiden: Von über 16 Metern bis zu ein paar Zentimetern

Gezeiten als in den Weltmeeren umlaufende Wellen: Die Amplitude der Pegelschwankungen ist farbkodiert. Es gibt mehrere Knotenpunkte (Amphidromie) verschwindender Amplitude, um die die Wellen herumlaufen. Linien gleicher Phase (weiß) umgeben die Knotenpunkte büschelförmig. Die Wellen­aus­breitung erfolgt senkrecht zu diesen Linien. Die Richtung ist durch Pfeile angedeutet.
Gezeiten als in den Weltmeeren umlaufende Wellen: Die Amplitude der Pegelschwankungen ist farbkodiert. Es gibt mehrere Knotenpunkte (Amphidromie) verschwindender Amplitude, um die die Wellen herumlaufen. Linien gleicher Phase (weiß) umgeben die Knotenpunkte büschelförmig. Die Wellen­aus­breitung erfolgt senkrecht zu diesen Linien. Die Richtung ist durch Pfeile angedeutet.
by R. Ray, NASA Goddard Space Flight Center, Jet Propulsion Laboratory, Scientific Visualization Studio is licensed under Public Domain

In Kanada steigt das Wasser um mehr als 16 Meter, an der Ostsee merkst du von den Gezeiten kaum etwas. Wie hoch das Wasser an einem Ort steigt, hängt von seiner Lage, der Form der Bucht und der Tiefe des Meeres ab.

Bay of Fundy und Ungava Bay: Wer hält den Weltrekord?

Laut dem kanadischen Hydrographischen Dienst haben die Bay of Fundy und die Ungava Bay mit rund 16 Metern die größten Tidenhübe der Welt. Welche der beiden Buchten vorne liegt, ist gerade wieder umstritten. Lange galt Burntcoat Head in der Bay of Fundy als Rekordhalter, wo extreme Springtiden über 16 Meter erreichen. Das Leaf Basin in der Ungava Bay im Norden Québecs macht ihm den Titel streitig: Das Guinness-Buch der Rekorde führt dort einen Wert von 16,6 Metern aus dem Jahr 1953. Neue Messungen aus den Jahren 2024 und 2025 sollen sogar 16,81 Meter ergeben haben, offiziell bestätigt ist dieser Wert aber noch nicht.

Mont-Saint-Michel: Europas Spitzenreiter

Bei Springtide steigt das Wasser in der Bucht des Mont-Saint-Michel um bis zu 14 Meter, so hoch wie ein vierstöckiges Haus. Das ist europäischer Rekord. Am eindrucksvollsten sind die sogenannten Jahrhundertgezeiten: Dann flutet das Meer die weite Sandbucht so schnell, dass der Klosterberg in kurzer Zeit zur Insel wird. Am 21. März 2015 erreichte der französische Gezeitenkoeffizient dort den Wert 119, nahe am theoretischen Maximum. Die nächste Jahrhunderttide steht am 3. März 2033 an, falls du sie selbst erleben möchtest.

Nordsee: Die Gezeiten vor deiner Haustür

An der deutschen Nordseeküste liegt der Tidenhub zwischen etwa einem und mehr als vier Metern. Auf Sylt beträgt er nur rund 1,80 Meter, in Büsum rund 3,20 Meter und auf Helgoland bei Springtide etwa 2,70 Meter. Besonders hoch steigt das Wasser im Jadebusen, wo der Tidenhub in Wilhelmshaven bei Springtide gut vier Meter erreicht. In Hamburg-St. Pauli sind es im Mittel 3,83 Meter, obwohl die Stadt weit im Binnenland liegt. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich der Tidenhub dort etwa verdoppelt, weil die Elbe immer wieder vertieft wurde und die Flutwelle seitdem ungehinderter und kräftiger den Fluss hinaufläuft.

Ostsee und Mittelmeer: Fast ohne Ebbe und Flut

In der Ostsee schwankt der Wasserstand durch die Gezeiten nur um 10 bis 30 Zentimeter. Das flache Binnenmeer ist bloß über schmale Meerengen mit dem Atlantik verbunden, durch die die Gezeitenwelle kaum eindringen kann. An der Ostsee bestimmt deshalb vor allem der Wind den Wasserstand. Ähnlich ist es im Mittelmeer, das nur durch die Straße von Gibraltar mit dem Atlantik verbunden ist. Dort beträgt der Tidenhub im Mittel etwa 40 Zentimeter. Eine Ausnahme ist der Golf von Gabès in Tunesien, wo das Wasser wegen der flachen, weiten Bucht um fast zwei Meter steigt.

Wenn Gezeiten spektakulär werden

Springtide in Wimereux (Frankreich)
Springtide in Wimereux (Frankreich)
by Marc Ryckaert MJJR is licensed under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Manchmal rollen die Gezeiten als Wasserwand einen Fluss hinauf, bilden Strudel oder treffen mit einem Sturm zusammen und werden zur tödlichen Flut. Dann wird sichtbar, wie viel Energie in Ebbe und Flut steckt. Solche Extreme ziehen Schaulustige sowie Surferinnen und Surfer an und verlangen großen Respekt.

Gezeitenwellen: Wenn die Flut den Fluss hinaufrollt

Auf dem Qiantang in China rast die Flut als über vier Meter hohe Welle mit mehr als 24 km/h flussaufwärts. Solche Gezeitenwellen, von Fachleuten „Bore“ genannt, kennt man weltweit von rund 100 Flüssen. Sie entstehen, wenn die Flut in eine trichterförmige Flussmündung drückt und sich dort zu einer steilen Front aufbaut. Am Amazonas heißt die Welle Pororoca. Sie ist dort meist 1,5 bis 4 Meter hoch und zieht kilometerweit ins Landesinnere. In Europa ist der Bore auf dem Severn in England bekannt: Rund 250-mal im Jahr rollt dort eine bis zu zwei Meter hohe Welle flussaufwärts, auf der Surfer kilometerweit reiten.

Strudel und Mahlströme: Saltstraumen, Moskstraumen und Co.

Durch den nur 150 Meter breiten Saltstraumen in Norwegen pressen sich alle sechs Stunden bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser. Die wirbelnden Strudel dort zählen zu den stärksten Gezeitenströmungen der Welt. Wie schnell das Wasser genau fließt, ist umstritten: Das amtliche Seehandbuch nennt 7 bis 8 Knoten, Reiseführer deutlich höhere Werte. Der Moskstraumen vor den Lofoten ging als „Mahlstrom“ in die Literatur ein, seine Strömung erreicht etwa 18 km/h. Zu den berüchtigten Strudeln Europas gehört auch der Corryvreckan vor der schottischen Westküste mit rund 8,5 Knoten bei Springtide.

Sturmflut: Wenn Wind und Tide zusammentreffen

In der Nacht zum 17. Februar 1962 stieg die Elbe in Hamburg-St. Pauli auf 5,70 Meter über Normalnull. Allein in Hamburg kamen mehr als 300 Menschen ums Leben. Eine Sturmflut entsteht, wenn starker Wind das Wasser gegen die Küste drückt und dieser Windstau mit dem normalen Hochwasser zusammenfällt. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie spricht an der Nordsee von einer Sturmflut, sobald das Wasser mindestens 1,5 Meter über dem mittleren Hochwasser steht, ab 3,5 Metern von einer sehr schweren Sturmflut. Nach 1962 baute Hamburg seine Deiche massiv aus. Wie wichtig das war, zeigte sich am 3. Januar 1976: Das Wasser stieg in St. Pauli auf den Rekordwert von 6,45 Metern, doch eine Katastrophe wie 1962 blieb aus.

Leben im Takt von Ebbe und Flut

Zweimal am Tag fällt das Watt trocken und wird wieder überflutet. Trotzdem leben auf einem einzigen Hektar 3 bis 12 Tonnen Tiere. Die Schlickfläche, die auf den ersten Blick leer aussieht, gehört zu den produktivsten Lebensräumen der Erde. Tiere und Pflanzen der Gezeitenzone haben sich an den ständigen Wechsel zwischen nass und trocken angepasst, jede Art auf ihre Weise.

Das Wattenmeer: Weltnaturerbe und Tankstelle für Zugvögel

Das Wattenmeer ist rund 11.500 Quadratkilometer groß und erstreckt sich über die Küsten der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks. Es ist das größte zusammenhängende Wattgebiet der Welt und seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe. 2011 kam der Hamburger Teil hinzu, 2014 folgten der dänische Abschnitt und weitere Gebiete vor Niedersachsen. Insgesamt leben hier rund 10.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Jedes Jahr rasten 10 bis 12 Millionen Zugvögel im Wattenmeer, zeitweise bis zu 6,1 Millionen gleichzeitig. Auf ihrem Weg zwischen Arktis und Afrika fressen sie sich hier Fettreserven an.

Wattwurm, Miesmuschel und Co.: Überleben zwischen nass und trocken

Jeder Wattwurm frisst sich pro Jahr durch etwa 25 Kilogramm Sand. Pro Quadratmeter leben etwa 20 Wattwürmer, und zusammen wälzen sie die oberen 25 Zentimeter des Watts jedes Jahr komplett um. Ihre Sandhäufchen siehst du bei jeder Wattwanderung. Die Miesmuschel heftet sich mit feinen Byssusfäden an den Untergrund und an Artgenossen. So entstehen ganze Muschelbänke, die auch starken Strömungen standhalten. Bei Niedrigwasser schließen die Muscheln ihre Schalen und warten auf die nächste Flut.

Salzwiesen und Mangroven: Grüne Säume der Gezeitenküsten

Salzwiesen liegen am oberen Rand der Gezeitenzone und werden nur bei höheren Fluten überspült. Ihre Pflanzen, etwa der Queller, vertragen das salzige Wasser erstaunlich gut. Rund ein Fünftel der Küstensalzwiesen Europas liegt im Wattenmeer. In den Tropen wachsen an ihrer Stelle Mangrovenwälder, weltweit auf etwa 147.000 Quadratkilometern. Ihre Wurzeln stehen bei Flut im Meerwasser und bei Ebbe im Schlick. Mangroven speichern im Durchschnitt etwa 394 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar und schützen die Küsten vor Erosion.

Grunion: Fortpflanzung nach dem Gezeitenkalender

Der kalifornische Grunion laicht nur in den drei bis vier Nächten nach der höchsten Springtide. Der kleine Fisch lässt sich von einer Welle auf den Strand tragen, gräbt sich in den Sand und legt dort seine Eier ab. Die folgenden Fluten steigen weniger hoch, sodass die Eier sicher im feuchten Sand liegen. Erst die nächste Springflut rund zehn Tage später erreicht sie wieder und spült sie frei, und die Jungfische schlüpfen.

Mensch und Gezeiten: Von Containerriesen bis D-Day

Wer am Meer lebt, richtet seinen Alltag seit jeher nach den Gezeiten. Fischer mussten sie kennen, ebenso Kapitäne, Hafenbetreiber und sogar Feldherren. Bis heute gilt das für Containerriesen ebenso wie für Wattwanderer, denn wer die Gezeiten falsch einschätzt, läuft auf Grund oder gerät in Lebensgefahr.

Hamburg: Ein Hafen im Takt der Tide

Hamburgs Hafen liegt rund 145 Kilometer von der Nordsee entfernt, und trotzdem richtet sich die Schifffahrt dort nach der Tide. Seit der jüngsten Elbvertiefung im Jahr 2022 dürfen die größten Schiffe mit der Flut 14,50 Meter Tiefgang haben, ohne Flut nur 13,50 Meter. Voll beladene Frachter planen ihre Fahrt elbaufwärts deshalb so, dass sie das Hochwasser nutzen. Mit jeder Flut spült das Wasser aber auch Schlick in die Fahrrinne, und Baggerschiffe müssen die Elbe ständig freihalten.

D-Day 1944: Die Landung, die von den Gezeiten abhing

Für die Landung in der Normandie brauchten die Alliierten Niedrigwasser kurz nach Sonnenaufgang. Nur der 5., 6. und 7. Juni 1944 erfüllten alle Bedingungen. Bei Niedrigwasser lagen die deutschen Strandhindernisse frei, und das steigende Wasser sollte die Landungsboote danach weiter an den Strand tragen. Die Gezeitenvorhersagen berechnete der britische Ozeanograf Arthur Doodson. Den Landungsort nannte man ihm nur als verschlüsselte „Position Z“, doch er soll aus den Daten erraten haben, dass es um die Normandie ging.

Gezeitentafeln: Wie das BSH Hoch- und Niedrigwasser vorausberechnet

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) berechnet jedes Jahr die Hoch- und Niedrigwasserzeiten für 13 Orte an der Nordseeküste voraus. Für die Schifffahrt veröffentlicht es außerdem Gezeitentafeln für 38 Bezugsorte und rund 730 Anschlussorte. Die Grundlage dafür legte Lord Kelvin im 19. Jahrhundert: Ab 1867 zerlegte er die Gezeiten in einzelne Teilschwingungen und baute mechanische Gezeitenrechenmaschinen, die bis in die 1960er-Jahre im Einsatz waren. Heute rechnet das BSH mit 39 solcher Teilgezeiten. Bevor du zum Wattwandern aufbrichst, schau in diesen Kalender und starte nie bei auflaufendem Wasser. Die Priele füllen sich zuerst und können dir den Rückweg abschneiden.

Strom aus Ebbe und Flut: Gezeitenkraftwerke

Seit 1966 erzeugt das Kraftwerk La Rance in der Bretagne mit 240 Megawatt Strom aus Ebbe und Flut. Es nutzt 24 Turbinen und liefert rund 500 Gigawattstunden im Jahr. Erst 2011 überholte es das südkoreanische Kraftwerk Sihwa mit 254 Megawatt, das außerdem die Wasserqualität eines Sees verbesserte, den ein Damm zuvor vom Meer abgeschnitten hatte. Neuere Projekte wie MeyGen in Schottland setzen auf Unterwasserturbinen in starken Gezeitenströmungen. Dort laufen seit 2018 Anlagen mit 6 Megawatt, ein Ausbau auf rund 65 Megawatt ist bis 2028 oder 2029 geplant. Weltweit sind erst rund 513 Megawatt Meeresenergie installiert, sie ist also eine Nische. Ihr Vorteil: Anders als Wind und Sonne lassen sich die Gezeiten auf Jahre im Voraus berechnen.

Gezeiten auf langen Zeitskalen: Erde, Mond und Urzeit

Die Gezeiten verformen auch die feste Erde, bremsen ihre Drehung und schieben den Mond langsam von uns weg. Über Jahrmillionen verändern sie so die Länge des Tages.

Erdgezeiten: Auch der Boden unter dir hebt sich

Auch der feste Boden unter deinen Füßen hebt und senkt sich zweimal täglich, am Äquator um bis zu einen halben Meter. Du spürst davon nichts, weil sich der ganze Untergrund gleichmäßig bewegt. Für Präzisionsmessungen sind diese Erdgezeiten aber wichtig: Satellitennavigationssysteme wie GPS müssen sie herausrechnen, und selbst am Teilchenbeschleuniger des CERN bei Genf mussten Forscherinnen und Forscher sie berücksichtigen. Sogar die Lufthülle hat Gezeiten. Sie entstehen allerdings vor allem, weil die Sonne die Luft täglich erwärmt, und weniger durch die Schwerkraft.

Der Mond auf der Flucht: 3,8 Zentimeter pro Jahr

Seit Apollo 11 im Jahr 1969 Laserspiegel auf dem Mond hinterlassen hat, lässt sich messen, dass er sich jedes Jahr um rund 3,8 Zentimeter entfernt. Die Ursache ist die Gezeitenreibung. Wegen der Erddrehung laufen die Flutberge der Mondposition etwas voraus und ziehen den Mond dabei ein wenig nach vorn auf eine höhere Bahn. Gleichzeitig bremst die Reibung des Wassers am Meeresboden die Erde ab, wobei die Gezeiten insgesamt etwa 3,75 Terawatt in Wärme umwandeln. Dein Tag wird dadurch allmählich länger, um rund 1,7 Millisekunden pro Jahrhundert.

Als ein Jahr 400 Tage hatte

Vor rund 620 Millionen Jahren dauerte ein Tag knapp 22 Stunden, und ein Jahr hatte etwa 400 Tage. Weil sich die Erde damals schneller drehte, passten mehr Tage in eine Umrundung der Sonne. Seitdem bremst die Gezeitenreibung sie ab. Forscherinnen und Forscher wissen das unter anderem aus fein geschichteten Gesteinen, in denen sich die Gezeitenrhythmen der Urzeit erhalten haben.

Gezeiten als Wiege des Lebens? Eine Hypothese

Der Forscher Richard Lathe vermutete 2004, dass der schnelle Wechsel von Überflutung und Austrocknung an den Küsten der jungen Erde die ersten Bausteine des Lebens angereichert haben könnte. Der Mond stand damals deutlich näher an der Erde, und die Gezeiten fielen entsprechend stärker aus. In Gezeitentümpeln könnten sich organische Moleküle beim Austrocknen konzentriert und bei der nächsten Flut neu gemischt haben. Bewiesen ist das nicht.

Gezeiten im Klimawandel: Wenn das Meer steigt

Der steigende Meeresspiegel verändert auch die Gezeiten selbst: An manchen Orten verstärkt er sie, an anderen schwächt er sie ab. Wird das Meer tiefer, ändert sich, wie schnell sich die Gezeitenwelle ausbreitet und wie stark sie in Buchten mitschwingt. Für die flachen Küsten der Nordsee ist das besonders wichtig.

Mehr Meer, mehr Tidenhub? Was Modelle für die Nordsee zeigen

Modellrechnungen für den europäischen Kontinentalschelf zeigen: Steigt der Meeresspiegel um zwei Meter, könnte der Springtidenhub in Cuxhaven um bis zu 35 Zentimeter wachsen, in Saint-Malo dagegen um bis zu 49 Zentimeter schrumpfen. Der Klimawandel verändert die Gezeiten also nicht überall gleich. An der deutschen Küste hieße ein größerer Tidenhub, dass das Hochwasser noch höher aufläuft, zusätzlich zum ohnehin steigenden Meeresspiegel. Solche Berechnungen fließen deshalb auch in die Planung künftiger Deiche ein.

Wächst das Watt mit?

Das Watt kann mit dem Meer mitwachsen, weil jede Flut neues Sediment ablagert. Steigt das Wasser jedoch schneller, als sich Sand und Schlick ansammeln, ertrinken die Wattflächen allmählich. Laut einer Studie von 2025 halten sie nur in weniger als der Hälfte der untersuchten Becken mit dem Meeresspiegel Schritt. Die Lage unterscheidet sich je nach Region: Neuere Untersuchungen sehen die deutschen Becken bislang im Gleichgewicht, während die Wattflächen in den Niederlanden schrumpfen.

Halligen und Salzwiesen: Wenn der Boden nicht mehr mithält

Das mittlere Tidehochwasser steigt um 2 bis 3 Millimeter pro Jahr, die Salzwiesen der Halligen wachsen aber nur um rund 1,6 Millimeter. Über Jahrzehnte summiert sich dieser kleine Unterschied, und die Halligen werden immer häufiger überflutet. Das bedroht die Menschen, die dort leben, und die Tiere der Salzwiesen. Küstenschützer arbeiten deshalb daran, die Halligen so zu stärken, dass sie mit dem steigenden Meer Schritt halten.

Was die Gezeiten bewegen

Ob am Deich in Cuxhaven oder an der Küste der Bretagne: Jedes Hochwasser entsteht aus dem Zusammenspiel von Mond, Sonne und Erde, und das seit Jahrmilliarden. Winzige Unterschiede in der Anziehungskraft reichen aus, um ganze Ozeane zu bewegen. Die Gezeiten formen Küsten, versorgen Millionen Zugvögel mit Nahrung, bestimmen den Fahrplan von Containerschiffen und machen deinen Tag ganz allmählich länger.

Was du beim nächsten Strandbesuch beobachten kannst

Schau vor deinem nächsten Ausflug an die Nordsee in den Gezeitenkalender und beobachte, wie sich das Hochwasser jeden Tag um rund 50 Minuten verschiebt. Achte auch auf den Mond: Ein bis zwei Tage nach Voll- oder Neumond sind die Fluten besonders hoch und die Ebben besonders niedrig. Für eine Wattwanderung schließt du dich am besten einer geführten Tour an. Dort siehst du Wattwürmer, Muschelbänke und vielleicht sogar Seehunde, ohne dich in Gefahr zu bringen.

Vom Mond bis in den Schlick

Die Gezeiten verbinden den Wattwurm im Schlick mit dem Mond in rund 385.000 Kilometern Entfernung, und dich mit beiden. Jedes Mal, wenn an der Küste das Wasser steigt und fällt, siehst du, dass die Erde nicht für sich allein steht: Mond und Sonne wirken bis an den Strand.

FAQ: Häufige Fragen zu den Gezeiten

Wie oft am Tag gibt es Ebbe und Flut?
An den meisten Küsten, auch an der deutschen Nordsee, gibt es innerhalb von 24 Stunden und 50 Minuten zweimal Ebbe und zweimal Flut. Zwischen zwei Hochwassern liegen im Mittel 12 Stunden und 25 Minuten, deshalb verschieben sich die Hochwasserzeiten jeden Tag um rund 50 Minuten.

Warum gibt es auch auf der mondabgewandten Seite Flut?
Der Mond zieht auf der abgewandten Seite schwächer am Wasser als am Erdmittelpunkt. Das Wasser bleibt dort gewissermaßen zurück und bildet einen zweiten Flutberg. Ursache ist also der Unterschied in der Anziehungskraft, die oft genannte Fliehkraft-Erklärung ist irreführend.

Wo ist der größte Tidenhub der Welt?
Die größten Tidenhübe gibt es in Kanada: In der Bay of Fundy und in der Ungava Bay sind es jeweils rund 16 Meter. Welche der beiden Buchten den Weltrekord hält, ist derzeit umstritten. In Europa liegt die Bucht des Mont-Saint-Michel mit bis zu 14 Metern vorn.

Warum hat die Ostsee kaum Gezeiten?
Die Ostsee ist ein flaches Binnenmeer und nur über schmale Meerengen mit dem Atlantik verbunden, durch die die Gezeitenwelle kaum eindringen kann. Der Tidenhub beträgt deshalb nur 10 bis 30 Zentimeter, und der Wind beeinflusst den Wasserstand stärker als der Mond.

Was ist der Unterschied zwischen Springtide und Sturmflut?
Eine Springtide ist eine besonders starke, aber ganz normale Gezeit bei Voll- oder Neumond, wenn Sonne und Mond auf einer Linie stehen. Eine Sturmflut entsteht, wenn starker Wind das Wasser gegen die Küste drückt. Trifft beides zusammen, steigt das Wasser besonders gefährlich hoch.

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Letzte Änderung vom 25.10.2026